Severin erschien an der Donau bald nach 453, dem Todesjahr des gefürchteten Hunnenkönigs Attila, in Favianis - dem heutigen Mautern. Er wurde dort zum geistlichen Führer der christlich-römischen Siedler. Bis heute weiß man nicht, woher er eigentlich kam. Seine Zellengründungen nach dem Beispiel der morgenländischen Einsiedler und sein persönliches asketisches Leben deuten darauf hin, daß er als Mönch im Orient gelebt hat, seine Sprache und seine Gesittung lassen aber darauf schließen, daß er eine römische Erziehung genossen hatte. Fragte man ihn, woher er stammte, so antwortete der Heilige, wie Eugippius, ein Mönch, der seine Lebensgeschichte im Jahre 511 niedergeschrieben hatte, berichtet: Unser Vaterland ist der Himmel und nach dem Himmel wollen wir trachten!
Bald war Severin hochangesehen bei Römern und Germanen. Es gelang ihm, zwischen den arianischen und römischen Christen den völligen Glaubensfrieden herzustellen, sodaß sie zusammen lebten und sogar dieselben Kirchen benutzten. Seine ausgedehnte Seelsorge und seine nachdrücklichen Ermahnungen zur Barmherzigkeit und Friedfertigkeit trugen reiche Frucht. Die Grundbesitzer veranlaßter er, einen jährliche Zehnten als regelmäßige Abgabe zu wohltätigen Zwecken beizusteuern. Die Städte wetteiferten miteinander, ihn möglichst lange in ihren Mauern zu behalten, denn sie vertrauten darauf, daß während seiner Anwesenheit kein Feind eindringen werde. So wurde der Heilige zu einem wahren Hirten und Beschützer. Oftmals wagte er sich mutig allein und ungeschützt in das Lager der Feinde, um die Freilassung von Gefangenen zu erreichen und bewahrte manche Ortschaft durch sein Dazwischentreten vor Plünderung und Zerstörung. Seltsamerweise wurde ihm nichts zuleide getan: Die Macht seiner Persönlichkeit und seine prophetische Gabe waren so groß, daß sogar die Feinde Roms dem katholischen Priester Achtung und Ehrfurcht nicht versagten. Seine politische Tätigkeit gipfelte in seinen Beziehungen zu Odoaker, dem er den Weg nach Italien ebnete.
Am Ende seines Lebens zog sich Severin in seine Klostergründung Göttweig zurück, wo er am 8. Jänner 482 starb. Sein Leichnam wurde auf seine Weisung von den zurückgedrängten Christen 488 nach Italien geflüchtet, wo er 910 in Neapel in dem Benediktinerkloster beigesetzt wurde, das noch heute seinen Namen trägt. Im Jahre 1807 übertrug man seine Gebeine in die Pfarrkirche von Fratta Maggiore in Aversa bei.
Über unseren Patron sind viele Sagen und Legenden überliefert, welche sich mit seiner prophetischen Gabe, seinem politischen Geschick und seiner besonderen Persönlichkeit - heute würde man sagen: Charisma - beschäftigen. Die meisten davon gehen sicherlich auf den Mann zurück, der auch seine Lebensgeschichte verfaßte: dem Mönch Eugippius.
Severin hatte in seiner Klosterkirche einen Mesner namens Maurus. Der Mann war seinem einstigen Befreier aus einer Gefangenschaft treu ergeben. Eines Tages, da ein herrlicher Herbst ins freie lockte, war Maurus seinem Herrn ungehorsam. Severin warnte ihn: Hüte Dich, heute auszugehen, sonst wird Dich das gleiche Unheil treffen, wie schon einmal zuvor! Doch Maurus ließ sich von einem Mann aus seiner Gemeinde dazu überreden, mit ihm das Dorf zu verlassen um Obst sammeln zu gehen. Doch die Prophezeiung trat ein, und Maurus und sein Begleiter wurden von Räubern gefangen genommen und entführt. Zu dieser Zeit saß Severin gerade in seiner Hütte und laß ein Buch, als es ihn durchfuhr und er aufsprang und rief: Maurus! Er ist eben entführt worden! Er machte sich auf den Weg und ging in das Lager der Räuber und überredete sie zur Herausgabe seines Mesners und dessen Freund.
Severin und der Alemannenkönig Sibold.
Der Alemannenkönig Sibold hegte tiefe Verehrung für den
Streiter Christi. Da er ihn unbedingt kennenlernen wollte,
machte er sich auf den Weg nach Passau, wo sich Severin
gerade zu dieser Zeit aufhielt. Die Bevölkerung von Passau
aber erkannte nur eine Heerschar sich den Stadtmauern
nähern, und fürchtete so einen Überfall. Also schritt
Severin den Fremden entgegen und noch bevor Sibold auch
nur ein Wort sagen konnte, sprach Severin mit solch einer
Festigkeit und Strenge auf den Herrscher ein, daß dieser
vor aller Augen zu zittern anfing. Später gestand er seinen
Kriegern, daß noch keine Schlacht und keine Gefahr ihm
solchen Schrecken eingejagt hätten.
Der König stellte es Severin frei, einen Wunsch zu äußern. Da bat ihn der heilige Mann: König, wenn Du Großes vollbringen willst, so halte Dein Volk vor Plünderungen zurück und gib die römischen Gefangenen ohne Lösegeld frei!
Der König sagte alles zu und befahl, einen Boten wegen Übernahme der Gefangen zu entsenden. Sofort wurde der Bote Amantius an den Hof des Alemannenkönigs nach Hause entsandt. Viele Tage mußte er warten, da er nicht angemeldet war, und die Vertreter des Königs nichts von dessen Vorhaben wußten. Da gab Amantius die Hoffnung auf, den Zweck seiner Sendung zu erfüllen, und machte sich auf den Rückweg. Plötzlich aber versperrte ihm eine Erscheinung den Weg. Er glaubte die Gestalt des hl. Severin vor sich zu sehen, mit drohender Gebärde, ihr zu folgen. Voll Angst kam nun Amantius neuerdings vor des Königs Saal. Zu seiner Verwunderung verschwand jetzt die Gestalt, die ihm Führer gewesen war. Ein Bote des Königs trat an ihn heran und befragte ihm nach seinem Vorhaben. Zagend setzte er den Auftrag auseinander und gab die Briefe Sibolds ab. Daraufhin kehrte Amantius mit siebzig Gefangenen zu seinem Herrn, der sich immer noch in Passau aufhielt, zurück. Und Sibold versprach, noch alle weiteren Gefangenen, die er in seinem Reich finden könne, freizulassen.